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Hintergründe zum Steven-Spielberg-Film über den
Terror-Anschlag auf die Olympischen Spiele, München 1972

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Die Verhandlungen


Zehn Minuten nach den ersten Meldungen über Schüsse im Olympiazentrum läuft die Polizeimaschinerie langsam an. Drei Hundertschaften der Bereitschaftspolizei werden in Bewegung gesetzt. Um 05:15 Uhr trifft der Münchner Polizeipräsident Manfred Schreiber im Olympiadorf ein und übernimmt die Einsatzleitung. Als er sich gegen 05:20 Uhr einen Überblick über die Lage vor Ort verschaffen will, schleifen zwei Terroristen den Leichnam von Moshe Weinberg aus dem Haus und werfen ihn Schreiber vor die Füße. Falls bis dahin noch Zweifel am Ernst der Situation bestanden, sind sie damit beseitigt. Das bayrische Innenministerium, das Nationale und das Internationale Olympische Komitee werden informiert.

Um 06:40 Uhr unternimmt Schreiber zusammen mit dem bayrischen Innenminister, Bruno Merk, dem Präsidenten des Nationalem Olympischen Komitees, Willy Daume, und dem Bürgermeister des Olympischen Dorfes, Walter Tröger, einen weiteren Verhandlungsversuch. Dabei bieten sie sich selbst als Austauschgeiseln an. Die Fedayeen lehnen ab.

Etwa zu dieser Zeit wird der deutsche Innenminister Hans-Dietrich Genscher in Zimmer 431 des Münchner Hotel Continental geweckt. Per Telefon informiert er Bundeskanzler Willy Brandt und Außenminister Walter Scheel am damaligen deutschen Regierungssitz in Bonn. Dann fährt er zum Olympiagelände. Während die Israelische Regierung verständigt wird, wird in München und Bonn je ein Krisenstab gebildet: Außenminister Scheel koordiniert von Bonn aus die Kontakte nach Israel und in die arabischen Staaten, Innenminister Genscher leitet in München den Einsatz vor Ort. Kanzler Willy Brandt hält ständigen Kontakt zu beiden Stäben und begibt sich derweil mit einer Sondermaschine nach München. Die Antwort aus Israel lässt nicht lange auf sich warten, und sie ist wenig überraschend: Die Israelische Regierung lehnt jedwede Verhandlung mit den Geiselnehmern ab, von der geforderten Freilassung der inhaftierten palästinensischen Gefangenen ganz zu schweigen.

Kurz bevor das erste Ultimatum der Terroristen um 09:00 Uhr abläuft, begibt sich Schreiber erneut zur Conollystraße 31. Es gelingt ihm, eine Verlängerung bis 13:00 Uhr herauszuhandeln, später dann bis 17:00 Uhr.

Pünktlich um 09:00 Uhr beginnen auf dem Olympiagelände die Sportveranstaltungen: Das Dressurreiten und das Volleyballspiel Deutschland-Japan stehen auf dem Programm. IOC-Präsident Avery Brundage hatte keinen Grund gesehen, die Spiele zu unterbrechen.

Genscher, IssaGenscher (links),
Issa (rechts)

In den Mittagsstunden holt sich auch der deutsche Innenminister eine Abfuhr von Issa bei den Bemühungen, eine Freilassung der Geiseln auf friedlichem Weg zu erreichen. Dabei ist das, was er anzubieten hat, nicht eben wenig: Er bietet den Fedayeen - Zug um Zug gegen die sofortige Freilassung der israelischen Sportler - freies Geleit, eine Sondermaschnine der Lufthansa, die sie an jedes gewünschte Ziel bringen würde, einen "in der Höhe unbegrenzten Geldbetrag" und - als Sahnehäubchen - sich selbst als Geisel an. Nie zuvor und niemals danach hat eine deutsche Regierung gegenüber Terroristen ein derart großzügiges Angebot gemacht. Dass es überhaupt zu einem so weitreichenden Angebot kam, hat natürlich seinen Grund in der deutschen Vergangenheit und dem daraus resultierenden besonderen Verhältnis zu Israel: Nie wieder sollte ein Jude um seiner Religion oder Abstammung Willen auf deutschem Boden durch Gewalt zu Tode kommen.

Nachdem die Terroristen dieses Angebot abgelehnt hatten, standen für die Einsatzkräfte vor Ort zwei Tatsachen fest: Es konnte keinen Zweifel mehr geben, dass die Fedayeen ihre Geiseln erschießen würden - ganz gleich, was man ihnen anbieten würde - wenn die Israelische Regierung ihren Forderungen auf Freilassung der Gefangenen nicht nachkommen würde. Und es konnte keinen Zweifel geben, dass die Israelische Regierung auf gar keinen Fall auf diese Forderungen eingehen würde. Damit blieb eine polizeiliche Aktion als einzig logische Möglichkeit zur Rettung der Geiseln.

Der Bonner Krisenstab sah hingegen noch eine letzte, wenn auch vage Möglichkeit für eine diplomatische Lösung, und die führte über Kairo: Wenn auch die Gruppe Schwarzer September keine klare Führungsstruktur hatte, so war doch klar, dass sie eng mit Yasser Arafats PLO (Palestine Liberation Organization) verbunden war. Und diese wiederum war fünf Jahre zuvor vom damaligen ägyptischen Präsidenten Abdel Nassar aus der Taufe gehoben worden. Zweifellos war die PLO 1972 in hohem Maße wirtschaftlich und logistisch von Ägypten abhängig. Falls es dem deutschen Kanzler gelingen sollte, den ägyptischen Präsidenten Awar el-Sadat mit guten Worten - oder auch mit Geld - davon zu überzeugen, dass eine weitere Eskalation der Situation in München nicht im Interesse der palästinensischen Sache liegen würde, dann könnte es auch Sadat gelingen, Arafat davon zu überzeugen. Und wenn dieser auch nicht die direkte Kommandogewalt über die Gruppe Schwarzer September hatte, so hatte er doch genügend politisches Gewicht, um ganz massiv auf eine friedliche Lösung hinzuwirken. Der Plan hatte nur einen Schönheitsfehler: Die ägyptische Regierung war den ganzen Nachmittag über nicht für den deutschen Kanzler zu sprechen.

Um 15:38 Uhr entschließt sich das IOC endlich, die Spiele zu unterbrechen.

Am frühen Nachmittag fordern die Terroristen etwas zu essen an. Für die Polizei eine willkommene Gelegenheit, die Lage im Inneren des Gebäudes zu erkunden. Und so schleppen dann zwei als Köche verkleidete Polizisten heran, was die Kantine zu bieten hat. Aber ins Gebäude kommen sie nicht: Issar lässt alles vor der Tür abstellen und dann von zwei seiner vermummten Komplizen hereintragen.

PolizeiPolizei auf der
auf der Gebäuderückseite

Gleichwohl läuft gegen 16:00 Uhr der erste Versuch zur Befreiung der Geiseln an: Auf das Codewort "Sonnenschein" hin sollen rund 40 Polizeibeamte das Gebäude stürmen. Ein Trupp durch den Keller, ein weiterer über die Balkone im ersten Stock und die größte Gruppe durch die Fenster im Erdgeschoss. Zu ihrer Unterstützung sind Scharfschützen auf den umliegenden Gebäuden in Stellung gegangen. Die Aktion soll kurz vor Ablauf des aktuellen Ultimatums um 17:00 Uhr erfolgen. Vorher wollen Genscher, Merk und Schreiber noch einen letzten Verhandlungsversuch unternehmen. Issar empfängt die drei grinsend und mit einer Handgranate spielend. "Ihre Leute wollen zu uns herein? Keine gute Idee!" sagt er. Der Aufmarsch der Polizei war den Fernsehkameras auf dem Olympiagelände nicht entgangen. Und die weltweite Live-Übertragung sah man auch in der Conollystraße 31.

Nachdem der Überraschungseffekt verloren ist, wird die Aktion hastig abgeblasen. Dennoch hat sie offenbar auf die Fedayeen Eindruck gemacht: Sie fordern jetzt sofort mit ihren Geiseln ausgeflogen zu werden. Als Ziel nennen sie Kairo. Dorthin soll bis 08:00 Uhr am nächsten Tag die israelische Regierung die freizulassenden Gefangenen ausfliegen, andernfalls würde man die Geiseln erschießen. Genscher und Merk wird erlaubt, kurz das Gebäude zu betreten, um sich davon zu überzeugen, dass die Geiseln noch am Leben sind. Derweil arbeitet Schreiber schon an einem B-Plan zur Befreiung der Geiseln. Unter dem Olympischen Dorf verläuft eine Zufahrtsstraße mit zahlreichen Garagenstellplätzen, die auch vom Gebäude Conollystraße 31 aus zu erreichen sind. Durch diese unterirdische Straße sollen die Terroristen mit ihren Geiseln zu einem Hubschrauberlandeplatz geführt werden. Und auf dem Weg durch die Garage soll der Zugriff erfolgen. Schreiber platziert hinter jedem deckunggebenden Pfeiler einen bewaffneten Polizisten.

Um 20:20 Uhr gelingt des Bundeskanzler Willy Brandt endlich die ägyptische Regierung zu erreichen. Doch Sadat steht weiterhin nicht als Verhandlungspartner zur Verfügung. Am Apparat in Kairo ist lediglich der ägyptische Ministerpräsident Sidki. Und der fällt Brandt sofort ins Wort: "We do not want to get involved". Genscher, Merk und Schreiber hasten zurück zur Conollystraße. Es wäre alles zum Abflug bereit, berichten sie Issar. Aber der ist misstrauisch. Eine Handgarante in der einen Hand, ein automatisches Gewehr in der anderen, fordert er die drei Verhandlungsführer zu einem "Probegang" auf. "Dies ist ein Probegang, nur ein Probegang!" ruft Schreiber seinen Leuten in der Garage zu, Genscher kann sich kaum zurückhalten, sich die Hand vor die Stirn zu schlagen, und Issar triumphiert: "Wir fahren Bus. Zuviel Polizei hier unten."

BusGeiselnehmer und Geiseln verlassen
das Olympische Dorf

Damit ist auch der zweite Versuch eines polizeilichen Zugriffs schon im Keim erstickt. Gegen 22:06 Uhr besteigen die Terroristen mit ihren Geiseln einen Bus, der sie zu zwei wartenden Hubschraubern bringt.



Die Verhandler


Willy Brandt
Willy Brandt,
1969-74 Deutscher Bundeskanzler





Walter Scheel
Walter Scheel,
1969-73 Bundesaußenminister





Hans-Dietrich Genscher
Hans-Dietrich Genscher,
1969-73 Bundesinnenminister





Bruno Merk
Bruno Merk,
1966-77 Bayrischer Innenminister





Bruno Merk
Manfred Schreiber,
1963-83 Münchener Polizeipräsident

04. 09. 2010 Dies ist nicht die offizielle Seite zum Film "München" der Universal Pictures